Oktober 2009

091006

ENERGIE-CHRONIK


 


"EDF exportiert keinen radioaktiven Abfall, weder nach Rußland noch woanders hin", versicherte der Leiter der Abteilung Kernbrennstoffe bei der EDF, Sylvain Granger (Mitte), in der "Arte"-Sendung am 13. Oktober. Für die "Libération"-Journalistin Laure Noualhat (rechts) war dies aber nur ein weiterer Versuch, faktischen Atommüll als "Wertstoff" zu tarnen.

Atommüll wird als "Wertstoff" nach Rußland exportiert

Frankreich entledigt sich des abgereicherten Urans aus der Wiederaufarbeitungsanlage La Hague, indem es den praktisch unverwertbaren Atommüll als "Wertstoff" deklariert und zur Wiederanreicherung nach Rußland schickt. Darauf machte die französische Tageszeitung "Libération" aufmerksam. Unter der Überschrift "Unsere nuklearen Abfälle werden in Sibirien versteckt" berichtete sie am 12. Oktober über die seit Mitte der neunziger Jahre geübte Praxis, bei der höchstens zehn Prozent der exportierten Abfallmenge wieder als verwertbarer Kernbrennstoff nach Frankreich zurückkommt, während der übergroße Rest in Form von nunmehr doppelt abgereichertem Uran in Rußland verbleibt.

Am 13. Oktober lief ferner im deutsch-französischen Kulturkanal "arte" ein Film über die "Libération"-Recherchen mit anschließender Diskussionsrunde. Neben den französischen Konzernen Areva und EDF wurde dabei als weiterer Kunde der Russen die Firma Urenco genannt, die zu je einem Drittel Großbritannien, den Niederlanden sowie den beiden deutschen Kernkraftwerksbetreibern E.ON und RWE gehört. Die Urenco ließ bis vor kurzem ebenfalls Tausende von Tonnen abgereichertes Uran, die in der deutschen Urananreicherungsanlage Gronau anfielen, in Rußland wiederaufarbeiten und so aus ihrem Verantwortungsbereich verschwinden.

Wiederanreicherung rentiert sich nur zur Vermeidung der Entsorgungskosten


Die Behälter mit doppelt abgereichertem Uranhexafluorid werden in Tomsk-7 auf einer Art Parkplatz im Freien gelagert (durch Anklicken des Google-Satellitenbilds gelangen Sie zur Original-Version mit Zoom-Möglichkeit)


Die in Frankreich und Deutschland bestehenden Anlagen zur Urananreicherung sind für Natururan ausgelegt und deshalb nicht in der Lage, das abgereicherte Uran soweit wieder anzureichern, daß es als Kernbrennstoff dienen kann. Das Verfahren würde sich auch nicht lohnen, denn die Ergiebigkeit läßt sich mit dem nochmaligen Ausquetschen einer bereits ausgequetschten Zitrone vergleichen. Das gilt erst recht beim Transport über achttausend Kilometer nach Sibirien. Daß es trotzdem zu der ökonomisch eigentlich sinnlosen Prozedur kommt, liegt zum einen daran, daß die Russen aus der Hinterlassenschaft der Atommacht Sowjetunion über nicht ausgelastete Zentrifugen-Kapazitäten verfügen, die für die Erzeugung von kernwaffenfähigem Uran mit einem Anreicherungsgrad von mindestens 85 Prozent errichtet wurden. Zum anderen wird für die europäischen Atomkonzerne das Geschäft deshalb attraktiv, weil sie auf diese Weise die hohen Kosten für die Zwischen- oder Endlagerung des abgereicherten Urans einsparen. Denn mit der Verfrachtung nach Rußland geht das gesamte Material in Eigentum des russischen Staates über. Die Absender erhalten nur die kleine Menge des wiederangereicherten Urans zurück (sofern es sich tatsächlich um solches handelt und nicht etwa der Einfachheit halber um Natururan). Alles andere verbleibt auf russischem Territorium.

13 Prozent der französischen KKW-Abfälle landeten in Sibirien

Der staatliche Atomkonzern Rosatom hat für die Anreicherung von europäischem Uran seit 1996 jährlich 200 Millionen Dollar bekommen, wie sein Sprecher Sergej Nowikow der Zeitung Nesawissimaja Gaseta sagte. Das wären bis heute Gesamteinnahmen von 2,6 Milliarden Dollar. Unklar bleibt dabei, was der marode russische Staat mit dem doppelt abgereicherten Uran vorhat und tatsächlich anfangen könnte. Theoretisch könnte er es erneut anreichern, was aber extrem aufwendig wäre und horrende Kosten verursachen würde. Weitere Möglichkeiten wären die Verwendung für Mischoxid-Elemente oder die "Verdünnung" von hochangereichertem Uran aus der Atombombenproduktion zur Herstellung von Brennelementen. Vermutlich ist das Material für Rußland aber auch nicht attraktiver als für die Lieferanten und wurde nur deshalb übernommen, weil dies nun mal Geschäftsgrundlage war. Nach Angaben des Rosatom-Sprechers ging es in den neunziger Jahren darum, den Bestand der russischen Anreicherungsanlagen zu sichern, denen die Aufträge weggebrochen waren. Inzwischen seien die Anlagen jedoch durch russische und ausländische Aufträge wieder ausgelastet.

Laut "Libération" sind so inzwischen nahezu 13 Prozent der radioaktiven Abfälle aus französischen Kernkraftwerken nach Sibirien gelangt. Das doppelt abgereicherte Uran lagert dort unter freiem Himmel auf einer Art Parkplatz im Atomkomplex Tomsk-7 (siehe Bild), einer geheimen Stadt mit 30.000 Einwohnern, die auf Landkarten noch immer nicht verzeichnet ist und nur mit besonderer Erlaubnis betreten werden darf.

Bundestags-Anfragen zu Uranexporten von Gronau nach Rußland

Im Prinzip enthüllten die "Libération"-Journalistin Laure Noualhat und ihr Kollege Eric Guéret aber nichts neues. Vermutlich haben sie sich bei ihren Recherchen von der in Deutschland seit langem geübten Kritik an der Firma Urenco inspirieren lassen. So wollte die Bundestagsfraktion der Grünen schon vor zwölf Jahren von der Bundesregierung wissen, wohin und in welchen Mengen das in Gronau anfallende abgereicherte Uranhexafluorid exportiert wird, was davon zurückkommt und was mit den Differenzmengen passiert (siehe Links). Aus der Antwort der damaligen Bundesregierung von Union und FDP ging hervor, daß nur Rußland wiederangereichertes Uran zurückgeliefert und den Rest behalten hat, wie dies "gängige Praxis bei Anreicherungsgeschäften" sei. Angaben über Liefermengen seien jedoch Geschäftsgeheimnis und könnten deshalb nicht weitergegeben werden.

Eine ähnliche, noch ausführlichere Anfrage richtete die Bundestagsfraktion der Linken im April 2007 an die Bundesregierung aus Union und SPD (siehe Links). In diesem Fall war die Antwort sehr detailliert. Sie enthielt exakte Mengenangaben zu sämtlichen Einfuhren von Natururan sowie den Ausfuhren von abgereichertem und angereichertem Uran in den Jahren 2000 bis 2006. Das zustšndige Bundesumweltministerium erklärte sich jedoch außerstande, die Frage nach der Rücklieferung von wiederangereichertem Uran zu beantworten, "da bei der Einfuhr nach Deutschland die Herkunft des Urans nicht bekannt ist". Ersatzweise listete sie sämtliche Einfuhren von Natururan aus solchen Ländern auf, in die auch abgereichertes Uran geliefert worden war. Rußland belegte in dieser Liste mit jährlichen Mengen zwischen 100.000 und 276.000 Kilogramm den dritten und letzten Platz hinter Großbritannien und Frankreich.

Zuletzt befaßte sich das ZDF-Magazin Frontal 21 am 12. Juni 2007 mit den Urantransporten nach Rußland (siehe Links). Demnach hat die Urenco seit 1996 insgesamt 21.000 Tonnen abgereichertes Uran nach Russland verbracht, wobei nur 1.700 Tonnen als wiederangereichertes Material zurück nach Deutschland kamen. Auf Satellitenbildern könne man Tausende von Containern sehen, in denen das in Sibirien zurückbehaltene hochgiftige und radioaktive Uranhexafluorid unter freiem Himmel gelagert werde. Viele Behälter sähen verrostet aus und stünden offensichtlich schon ziemlich lange dort. Gegenüber einem Dumaabgeordneten habe das russische Gesundheitsministerium 2003 bestätigt, daß es in den Urananreicherungsanlagen mehrere Unfälle gab, bei denen gasförmiges Uranhexafluorid freigesetzt und drei drei Menschen getötet wurden.

Der damalige Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) war mit der Materie offenbar etwas überfordert, als er vom ZDF um eine Stellungnahme gebeten wurde: "Sie müssen Politiker zu politischen Fragen fragen, nicht zu naturwissenschaftlichen", ließ er wissen. "Wenn ich unsere Fachleute gefragt habe, antworte ich Ihnen." Aber auch später war der Umweltminister zu keiner Stellungnahme bereit, obwohl er sonst jede Gelegenheit zum Schlagabtausch mit der Atomwirtschaft nutzte.

Nach Angaben von Urenco sind die Wiederanreicherungsverträge mit Rußland inzwischen ausgelaufen. Der letzte Transport habe am 26. August stattgefunden. Das künftig anfallende Uranhexafluorid werde man in Frankreich in das chemisch stabilere Uranoxid konvertieren lassen und anschließend auf dem Firmengelände in Gronau lagern.

 

Abfallprodukt der Anreicherung: Abgereichertes Uran

In natürlichem Uran ist das spaltbare Isotop Uran-235 nur zu 0,71 Prozent enthalten. Der Rest besteht überwiegend aus Uran-238. Solches Natururan läßt sich nur in Graphit-moderierten Magnox-Reaktoren und Schwerwasser-Reaktoren wie dem kanadischen Candu-Typ als Kernbrennstoff verwenden. Für die weltweit vorherrschenden Leichtwasser-Reaktoren muß der Anteil des Uran-235 erst künstlich auf drei bis vier Prozent erhöht werden, damit Wasser als Moderator dienen kann. Bei diesem Prozeß entstehen – beispielsweise in der deutschen Urananreicherungsanlage Gronau – pro Tonne angereicherten Urans etwa sieben Tonnen Uran mit einem verminderten Gehalt an U-235, das als abgereichertes Uran bezeichnet wird (engl. "depleted uranium", franz. "uranium appauvri").

Abgereichertes Uran entsteht außerdem bei der Wiederaufarbeitung von verbrauchten Brennelementen, wie sie in Frankreich und Großbritannien praktiziert wird. Nach Angaben von "Libération" produzieren die beiden Wiederaufarbeitungsanlagen in La Hague zu etwa 95 Prozent abgereichertes Uran. Der Rest des Volumens entfällt auf Plutonium (1 Prozent) und sonstige radioaktive Abfälle (4 Prozent). Das Plutonium wird mit etwa zehn Prozent des abgereicherten Urans zur Herstellung sogenannter Mischoxid-Brennstäbe (MOX) verwendet. Für die restlichen neunzig Prozent gibt es derzeit keine Verwendung. Sie werden aber nicht als Abfall deklariert, sondern gelten offiziell als "Wertstoff". Die französische Atomindustrie spricht deshalb auch von einer 96-prozentigen Wiederverwertung des radioaktiven Materials durch die Wiederaufarbeitung. In Wirklichkeit ist dieser angebliche "Brennstoffkreislauf" aber eine Fiktion, wie jetzt "Libération" anhand der Uranexporte nach Rußland aufgezeigt hat.

Zwei Verfahren zur Anreicherung: Gasdiffusion und Gaszentrifuge

Die Anreicherung von Uran erfolgt entweder durch Gasdiffusion oder mittels Gaszentrifugen. Das erste Verfahren ist das ältere und extrem energieaufwendig. Beispielsweise verschlingt die französische Urananreicherungsanlage "Eurodif", aus der im Juli 2008 uranhaltiges Wasser in die Kanalisation lief (080705), zwei Drittel der Stromerzeugung des Kernkraftwerks Tricastin. Die französische Urananreicherung für militärische Zwecke erfolgte früher auf demselben Gelände und ebenfalls nach dem Gasdiffusionsverfahren, wurde aber 1996 beendet. Der französische Atomkonzern Areva hat inzwischen in Tricastin für drei Milliarden Euro die neue Urananreicherungsanlage "Georges Besse II" errichtet, die nach dem energetisch und finanziell wesentlich günstigeren Zentrifugenverfahren arbeitet, das auch die Urenco in Gronau verwendet. Wie Areva am 29. September 2009 mitteilte, soll die erste von zwei Zentrifugen-Kaskaden noch in diesem Jahr in Betrieb genommen werden.

Die Verarbeitung erfolgt in Form von Uranhexafluorid

Für beide Anreicherungsverfahren muß das Naturan, das in Form von Uranoxid als Feststoff bereitgestellt wird, in eine hochreine gasförmige Verbindung namens Uranhexafluorid umgewandelt werden. Das angereicherte Uranhexafluorid wird dann wieder in Uranoxid übergeführt und zu Brennelementen weiterverarbeitet. Der übergroße Rest an abgereichertem Uranhexafluorid wird dagegen in der Regel schon aus Kostengründen nicht in Feststoff umgewandelt, zumal es sich nach offizieller Lesart um einen Wertstoff handelt, der irgendwann weiterverarbeitet werden soll. In Form von Uranhexafluorid lagert das abgereicherte Uran auch in den Behältern, die auf den Satellitenaufnahmen von Tomsk-7 zu sehen sind.

Uranhexafluorid ist bei Raumtemperatur und normalem Druck ein pulverförmiger Feststoff, wird aber schon oberhalb von 56,4°C gasförmig. In Verbindung mit Wasser bzw. Luftfeuchtigkeit bildet es die äußerst korrosive Flußsäure und das giftige Uranylfluorid. Die Flußsäure kann zu Hautverbrennungen sowie bei Inhalation zur Schädigung der Lunge führen. Gesundheitsgefahren ergeben sich bei Inhalation weiterhin aufgrund der chemisch-toxischen Wirkung des Urans auf die Niere sowie aufgrund der Radioaktivität (Alphastrahlung).

 

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